10.1.2020, 16 Uhr

„Ich vergesse zu Zeiten völlig, daß ich so etwas wie ein Schriftsteller bin ...“ – Ernst Barlachs Briefe

Brief von Ernst Barlach an Herbert Ihering, Güstrow, 13.7.1923

Ernst Barlach (1870 – 1938) ist auch heute noch bekannt und gerühmt. Bücher mit wunderbaren Abbildungen und klugen Aufsätzen erscheinen in regelmäßigen Abständen, v.a. zu Barlachs Skulpturen, die unverwechselbar sind in ihrer klaren Formensprache und der zutiefst menschlichen Motivik. Weniger bekannt ist, dass Ernst Barlach parallel zu seinem Schaffen in der bildenden Kunst auch ein Schreibender war, ein Dichter. Einen Roman hat Ernst Barlach verfasst, er schrieb acht Dramen, (Reise)-Tagebücher, „kleine Prosastücke“ und eine Autobiografie. Barlachs Texte, besonders die fürs Theater, sind keine leichte Kost. Die stets mit dem Tod verhandelnde Thematik, das gleichzeitige Auftreten alltagsnaher und mythologischer Figuren, die nicht durchgängig mit bestimmten Charaktereigenschaften verbunden bleiben; eine Sprache, die mal derb und alltagstauglich daherkommt und im nächsten Moment ausgesprochen gehoben ist; die unkonventionelle Szenen-Einteilung: all das macht seine Dramen schwierig.

Mit den Briefen von Ernst Barlach verhält es sich hingegen völlig anders. Laut Holger Helbig, Herausgeber der neuen Barlach-Edition, sind die Briefe „Barlachs beste Prosa“. Sie lesen sich leicht. Durch ihre Worte scheinen die große Klugheit, Bescheidenheit und Ehrlichkeit Ernst Barlachs hindurch, die neben den nie phrasenhaften Formulierungen, dem feinen Humor und der Hinwendung zum Gegenüber die Lektüre zu einem großen Vergnügen werden lassen.

Aus Anlass des 150. Geburtstages von Ernst Barlach am 2. Januar 2020 ist nun eine kommentierte Neuausgabe sämtlicher Briefe Ernst Barlachs im Suhrkamp Verlag erschienen. Es sind vier Bände! Auf Initiative der Ernst Barlach Stiftung Güstrow und des Ernst Barlach Hauses Hamburg haben Holger Helbig, Karoline Lemke, Paul Onasch und Henri Seel von der Universität Rostock unter Mitarbeit von Volker Probst, Franziska Hell und Sarah Schossner mehr als 2000 Briefe Barlachs zusammengetragen und kommentiert. In ca. 90 Archiven, Museen und Sammlungen sind die Herausgeber fündig geworden, darunter auch im Archiv der Akademie der Künste Berlin.

Unter den Briefen, die jetzt erstmals veröffentlicht werden, sind auch drei Schriftstücke Barlachs an den 1888 geborenen Theaterkritiker Herbert Ihering, dessen Nachlass in der Akademie der Künste in Berlin verwahrt wird. Für Ihering waren natürlich v.a. Barlachs Dramen von Interesse, die jener seit ca. 1912 begonnen hatte zu schreiben. Schon seit 1918, noch bevor Barlachs erstes Stück „das Licht der Bühne erblickte“, hatte Herbert Ihering das Schreiben Barlachs in seinen Rezensionen wohlwollend begleitet. Ende 1922 war er gerade vom „Berliner Börsen-Courier“ als Theaterkritiker angestellt worden, als er seinen ersten Brief an Barlach richtete. Beim „Courier“ waren Beilagen üblich, in denen sich Autoren, die vorher angeschrieben worden waren, zu einer bestimmten Frage äußern konnten. Auch Vorabdrucke literarischer Texte waren bei den Lesern begehrt. Ihering fragte regelmäßig bei Barlach nach Texten und bekam fast immer Absagen – aber was für welche. Diese Absage-Briefe Barlachs sind kleine poetische Kunststücke.

Sehr geehrter Herr Ihering, / ich beantworte Ihre Frage vielleicht / ausführlicher als Ihnen bequem ist, / nichts für ungut, man hat nicht dem / Erbitter aber dem Mann gegenüber, / der eigene Freuden und Schmerzen ver- / steht, wie Sie, das Verlangen, mögliches / Mißverstehen umzugestalten. Ich / vergesse zu Zeiten völlig, daß ich so etwas / wie ein Schriftsteller bin und beim Schrei- / ben werden die anderen Unternehmungen / Bagatelle, ich komme aber zum Schrei- / ben verhältnismäßig selten und / immer nur mit einer Art von Widerstre- / ben, sozusagen wenn es schon garnicht / anders mehr geht. Die Dramen sind mir / obgleich ich früher ein Vielzuvielschreiber / war, gekommen wie / Frauen Kinder infolge / eines Fehltritts, über dessen Möglichkeit Sie / [S.2] sich hinterher selbst sehr wundern müssen, / den Sie aber durchaus nicht bereden wollen. (Brief von Ernst Barlach an Herbert Ihering, Güstrow, 13.7.[19]23, Auszug)

Die Briefe Barlachs an Ihering sind deutlich vom Willen geprägt, den „Erbitter“ verstehen zu lassen, warum das Gewünschte nicht gesendet werden kann. Gründe konnten neben der tatsächlich großen bildkünstlerischen Produktivität und einer zunehmend labilen Gesundheit auch „Befindlichkeiten“ sein, die er in wohlgesetzten Worten mitteilte,  wie „ [I]ch möchte mich nicht aus dem Rhythmus meiner Tage bringen lassen und dazu sind schon Kleinigkeiten im Stande.“

Originale Briefe von Ernst Barlach gibt es außer im Herbert-Ihering-Bestand noch in einigen weiteren Künstler-Archiven der Akademie der Künste, so in denen des Barlach-Freundes und Kunstkritikers Theodor Däubler, des Grafikers und Verlegers Robert Sterl und des Schauspielers Paul Wegener.

Briefabschriften sind u.a. in den Nachlässen der Schauspielerin Tilla Durieux überliefert, mit der  Barlach durch ihre Ehe mit seinem „Entdecker“, dem Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer, vertraut war. Der größte Teil der Brief-Abschriften befindet sich im Historischen Archiv der Akademie, vor allem im Zusammenhang mit Ausstellungen, Restaurierungen, Nachlass-Angelegenheiten und Beziehungen zu anderen Institutionen, die sich dem Erbe Barlachs widmen.

Ansprechpartnerin: Elgin Helmstaedt, Archiv Darstellende Kunst


Veranstaltungshinweis:

Charly Hübner, Ingo Schulze und Holger Helbig lesen und loben „Ernst Barlach. Die Briefe“, am 31. Januar 2020 um 19 Uhr in der Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 10117 Berlin, Eintritt 6, ermäßigt 4 Euro, Karten unter www.adk.de/tickets, Tel.: 030-20057-1000

Ingo Schulze, Holger Helbig, Charly Hübner am 4.1.2020 im Ernst Barlach Haus, Hamburg

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